Niedrige Zinsen als Zündstoff für Versicherungen

Die deutschen Lebensversicherer werden auf lange Sicht Verluste schreiben – zu diesem Ergebnis kommen zumindest die Moody's-Analysten Benjamin Serra und Simon Harris in einem Branchenkommentar.

 

Ihre Berechnungen umfassen die nächsten zehn Jahre und werden auf Grundlage der aktuellen Zinssturktur errechnet. Sollten die Zinsen auf dem derzeitigen Niveau verharren, werde dies letztlich zu Verlusten bei den Unternehmen führen.

Die Reserve, die die Versicherer wegen des niedrigen Zinsniveaus seit 2011 jedes Jahr aufbauen müssen, dürfte diese Entwicklung noch beschleunigen!

 

"Nach rund fünf Mrd. Euro im Jahr 2012 wird die Branche Ende 2013 eine Zinszusatzreserve in Höhe von schätzungsweise rund sechs Mrd. Euro verbuchen müssen", sagt Analyst Serra. Sollten die Zinsen noch zehn Jahre auf niedrigem Niveau bleiben, sei für Ende 2023 sogar ein anteiliger Rückstellungsbedarf von 40 bis 90 Mrd. Euro zu erwarten. Dann müsse die Branche einen Großteil ihrer stillen Reserven heranziehen, um die geltenden Kapitalvorschriften zu erfüllen.

 

Zu dieser Prognose erklärte eine Sprecherin des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV), es sei richtig, dass die derzeit sehr niedrigen Zinsen eine Herausforderung für die Branche darstellten, die Unternehmen hätten sich aber darauf eingestellt. Der GDV forderte die Politik jedoch dringend zu regulatorischen Änderungen auf. Vor allem müsse der 2008 eingeführte gesetzliche Zwang zur Extra-Ausschüttung von Zinsreserven schleunigst korrigiert werden.

 

Klassische Lebensversicherungsverträge in Deutschland – wie auch in Österreich - garantieren den Kunden in der Regel eine feste Mindestverzinsung pro Jahr. Für Neuverträge liegt dieser Garantiezins inzwischen nur noch bei 1,75 Prozent. Wegen der Vielzahl alter Verträge müssen die Versicherer ihren Kunden im Schnitt aber noch 3,3 Prozent bezahlen. Diese Rendite können sie bei Neuanlagen an den Finanzmärkten aber kaum noch erzielen. Weil mit den Jahren immer mehr Gelder neu angelegt werden müssen, wird die Finanzierungslücke immer größer, je länger das niedrige Zinsniveau anhält.

 

Der GDV nannte die Moody's-Prognose eine "Szenario-Betrachtung" mit der Annahme "Was wäre, wenn die aktuell niedrigen Zinsen so unverändert über viele Jahre bestehen bleiben?" Die Branche habe bereits Maßnahmen ergriffen. So hätten viele Versicherer in den vergangenen Jahren laufende Überschussbeteiligungen schrittweise abgesenkt. Seit 2011 bildeten sie zusätzliche Zinsreserven.

Diese Annahme des langanhaltenden niedrigen Zinssatzes scheint auch er Hauptkritikpunkt, denn die Schwierigkeiten der Branche werden anerkannt!

 

Wifo mahnt

 

Auch Österreich wird von der Problematik nicht verschont bleiben. Wifo-Experte Thomas Url sagte jüngst, dass die Lebensversicherer für ihre Kunden neue Produkte erfinden sollten, die für sie auch refinanzierbar seien. Andernfalls werden sie vereinzelt gezwungen sein, die klassische Lebensversicherung überhaupt aufzugeben. Aktuell lukriere die Sparte in einer konservativen Veranlagung nur noch 2 bis 2,5 Prozent. Es gebe aber auch noch langlaufende Altverträge mit vier bis 4,5 Prozent Mindestverzinsung im Bestand.

 

Fazit:

Aus aktueller Sicht ist es nur schwer einem Kunden zu raten, in dieser Form der Veranlagung langfristig Kapital zu binden, da die garantierten 1,75% Jahresrendite auch nur auf das tatsächlich investierte Kapital ausgesprochen sind. Ähnlich wie bei Finanzierungen wirken auch hier die Nebenkosten dramatisch und eine effektive Verzinsung kann über das Gesamtinvestment schon auch negativ werden – und ob das im Sinne der Investitionsplanung ist, wage ich zu bezweifeln.

 

 

 

Quelle: derstandard.at

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