Niedrige Zinsen - auch das kann negative Folgen haben

Dass die aktuell sehr niedrigen Zinsen ebenfalls Risken für Volkswirtschaften und deren Marktteilnehmer haben können, skizziert Volkswirt Thorsten Polleit von Degussa Goldhandel in einem Interview.

Konkret warnt er in seinem jüngsten Marktreport vor unerwünschten Folgeeffekten einer Niedrigzinspolitik in Europa bzw. der Eurozone:

 

Sie erhöhe zum einen den ökonomischen Anreiz zur Verschuldung, senke den Druck auf die Regierungen, ihre Haushaltslage zu verbessern und Reformen durchzuführen. Für Private sinke der Anreiz zu sparen, es komme zum Kapitalverzehr. Und schließlich provozieren niedrige Zinsen Fehlinvestitionen, Investoren gingen überzogene Risiken ein.

Für die Banken hätten die tiefen Zinsen besonders weitreichende Folgen. "Niedrige Zinsen erhöhen die Wertpapierkurse, die sie in ihren Bilanzen halten. Das beschert den Banken Buchgewinne, die ihr Eigenkapital erhöhen", erklärt Polleit. Diese Zugewinne ("Windfall Profits") kämen allen Banken zugute – ungeachtet ihrer Rentabilität. Die Niedrigzinspolitik zementiere die Strukturprobleme des Euro-Bankensektors ein. 

 

Zudem gerate der Bankensektor aus Sicht des Ökonomen "dauerhaft an den Subventionstropf", die Solidität der Bankbilanzen stehe und falle mit dem Beibehalten der Geldpolitik der EZB. Weil Banken – wie alle anderen Schuldner auch – sich auf tiefe Zinsen einstellen, werde folglich ein "Normalisieren" des Zinses immer schwieriger. Durch Anhebung des Zinssatzes durch die Zentralbank sei mit Kreditausfällen und Konjunkturkrise zu rechnen, so der Volkswirt.

 

Zum anderen wachse der politische Widerstand gegen Zinserhöhungen, wenn die volkswirtschaftliche Verschuldung erst einmal sehr hoch und der Zins, den die Schuldner zahlen, sehr niedrig ist. "Vor allem für Deutschland dürfte die Euro-Zinslandschaft noch Probleme bereiten. Denn die Zinsen sind für die deutsche Wirtschaft viel zu tief", so Polleit. Die niedrigen Zinsen könnten ihm zufolge ähnliche Schäden verursachen wie in den Peripherie-Ländern, im deutschen Falle dürfte vor allem die Gefahr von Fehlinvestitionen bestehen. 

 

Ein Problem sieht er auch in der fehlgeleiteten Entwicklung von kapitalintensiven Produktionen, die durch Niedrigzins gefördert würden. Diese Investments und wirtschaftliche Leistungen würden bei Zinserhöhung aber massiv leiden und durch Problemen oder Wegfall im Fall von höheren Zinsen zu einer Konjunkturbremse werden.

 

Polleit befürchtet, dass durch die Niedrigzinsvorgaben der Politik lediglich auf dem ersten Blick eine Entspannung der Situation bringen, dies löst die Krise nicht, sondern schafft seiner Meinung vielmehr neue Probleme. Es bleibt in seinem Resümee nicht aus, diese Einschätzung  den Kunde von Degussa als Edelmetallinvestoren ans Herz zu legen.

 

 

 

 

Quelle: Fondsprofessionell (teils wörtlich übernommen)

 

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